Erlebnis Kirgistan – Eine Reise durch das Land

Im Sommer 2007 verbrachte ich zwei Monate in der zentralasiatischen Republik Kirgistan. Nun mag man sich fragen, wie kommt man denn dort hin, da die Region damals touristisch keinerlei Bedeutung hatte? Auch ich wäre wohl nie auf die Idee gekommen, hier einen Urlaub zu verbringen, hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, meine Examensarbeit in einem laufenden Forschungsprojekt zu Mensch-Umwelt-Interaktionen in Südkirgistan zu schreiben. Zur Datenaufnahme verbrachte ich sechs Wochen auf den Hochweiden rund um Arslanbob. 

Direkt anschließend fand die Exkursion  „Kirgistan: Geographische und ökologische Aspekte der post-sowjetischen Transformationsprozesse in Mittelasien“ des geographischen Instituts der Universität Hamburg statt, für die ich schon im laufenden Semester eine HiWi-Stelle hatte und an der ich nun natürlich auch teilnahm. In den kommenden drei Wochen reisten wir also quer durch Kirgistan. Nach sechs Wochen anstrengender Datenaufnahme, freute ich mich auf diese Exkursion, in der ich noch viele weitere Regionen Kirgistans kennen lernen sollte.

Am 12. August 2007 war es dann so weit. Nun reiste unsere Exkursionsgruppe an und wurde von uns gebührend mit einer St. Pauli Fahne am Manas Airport begrüßt. Für die anwesenden Kirgisen ein skurriler Anblick, da ihnen die Bedeutung hinter dem Totenkopf wohl nicht bekannt ist. Wie soll es auch anders sein, traf ein, was wir nun schon kannten. Der Flug hatte Verspätung und so hieß es zunächst warten. Sobald alle da waren, ging es in unseren beiden geländegängigen Exkurisonsrfahrzeugen in Richtung Issyk-Kul.

Unser Weg führte uns durch das Dorf Rot-Front. Hier besuchten wir das „Zentrum zur Geschichte der Deutschen in Kirgisistan in der Mittelschule Rotfront“. Wie der Name schon verrät, handelt es sich hierbei um eine „deutsche“ Siedlung, die auf die Aussiedlung der Mennoniten im 18. und 19. Jahrhundert zurück geht. Heute leben noch knapp 20.000 Deutschstämmige in Kirgistan. Die dortige russische Mittelschule in Rot-Front wird durch die deutsche Schulbehörde mit einem deutschen Lehrer unterstützt und ermöglicht den Schülern so die Befähigung zu erwerben in Deutschland zu studieren. Anschließend hielten wir in Burana. Hier steht noch der Stumpf eines alten Minaretts, welches im 10.-12. Jahrhundert von den Karakhaniden als religiöses Gebäude, Beobachtungs- und Leuchtturm an der Seidenstraße errichtet wurde.

Die nächste Tage verbrachten wir am Issyk-Kul, dem zweitgrößten Hochgebirgssee der Erde. Als solcher war er zu Zeiten der Sowjetunion ein beliebter russischer Urlaubsort, was insbesondere auf das verhältnismäßig warme Wasser aus unterirdischen Quellen zurückzuführen ist und sich auch heute noch an einigen Stellen an der Infrastruktur zeigt. Auch wir nutzten den See zu einem ausgiebigen Bad. Die letzte Dusche war für die meisten ja noch in Deutschland gewesen.

In Cholpon Ata besuchten wir die Petroglyphen – historische Felszeichnungen der Skythen. Ob die Granitfelsen allerdings wirklich heilende Wirkung haben, wenn man sich zwischen sie legt und sich dem dortigen Magnetfeld aussetzt, bleibt anzuzweifeln. Fakt ist Silvias Durchfallerkrankung war anschließend verschwunden… Außerdem standen ein Besuch im Regionalmuseum und im ökologischen Informationszentrum an, so dass wir anschließend gut informiert waren über Besiedlungsgeschichte, Flora und Fauna sowie die aktuellen ökologischen Probleme. Auf unseren verschiedenen Wanderungen zum Beispiel im Chong-Ak-Suu Tal konnten wir dann einiges live betrachten.

Ein Höhepunkt war sicherlich das Schneeleopardenreservat, welches durch den NABU in Kirgistan betrieben wird. Hier werden verletzte Tiere wieder aufgepäppelt, nach Möglichkeit ausgewildert oder aber anderweitig vermittelt. Unter Anderem stammt die Schneeleopardin Dschamilja des Wildparks Lüneburger Heide aus diesem Reservat. Da Schneeleoparden massiv durch Wilderei bedroht sind (ein Schneeleopard bringt auf dem Schwarzmarkt bis zu 11.000 $ ein), ist der Schutz der Tiere hier von immenser Wichtigkeit. Aus eben diesem Grund ist die Lage des Reservats auch nicht öffentlich bekannt. Auf dem Weg nach Karakol besuchten wir anschließend noch das ebenfalls vom NABU betriebene Artenschutzzentrum, welches aber im Gegensatz zum Schneeleopardenreservat eher wie ein kleiner Zoo wirkte. Auch hier steht der Schutz und die Pflege von Tieren zur Wiederauswilderung im Vordergrund.

Nach einem Besuch der russisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskirche und der Dungan-Moschee in Karakol ging es weiter entlang des Südufers des Sees. Imposant waren die Džeti Oguz, eine Felsformation aus rotem Sandstein. Der Sage nach handelt es sich hierbei um sieben Ochsen, die das Land verwüsteten und anschließend zur Strafe in Stein verwandelt wurden.  Auch die kargen Badlands bestehen überwiegend aus rotem Sandstein, stellen aber auf Grund des massiven Uranabbaus zu sowjetischer Zeit sowie unsachgemäßer Lagerung von Atommüll heute eine große Bedrohung für das Ökosystem dar.

Nach einem langen Fahrtag ließen wir den Issyk-Kul hinter uns und fuhren ins Landesinnere zum Song-Kul. Auf 3000 m Höhe war es hier schon deutlich kälter, was sich insbesondere nachts zeigte. Obwohl wir die Möglichkeit hatten in Jurten zu schlafen, froren doch die meisten. Auch das morgentliche Waschen fiel eher spärlich aus, da das Waschwasser in den Schüsseln gefroren war und auch der See nur sehr kühles Wasser vorhielt. Hier hatten nun auch alle anderen Exkursionsteilnehmer einmal die Möglichkeit die Gastfreundschaft der kirgisischen Hirten zu erleben und den „leckeren“ Kumys zu probieren. Als besonderes Highlight gab es hier frisches Hammelfleisch. Nicht alle mochten bei der traditionellen Schlachtung anwesend sein.

Ein weiterer Fahrtag führte uns über Djalal Abad nach Arslanbob. Für mich also fast eine Heimkehr. Hier verbrachten wir die nächsten Tage, erkundeten die Walnuss-Wildobst-Wälder und machten eine mehrtägige Reittour unter Bolots Führung zum Kol Kulan, dem heiligen See. Was ich von meinem Weg ins Kerei schon kannte, zeigte sich auch hier wieder. Wir bekamen nicht die versprochenen Pferde und hatten so auf unserem „Ritt“ nicht für jeden ein Pferd. Nicht alle störte das, waren doch einige „Nicht-Reiter“ zuvor äußerst skeptisch gewesen. Aber auch für die Reiter unter uns gab es einige Überraschungen. Mit unseren europäischen Reitkünsten konnten wir hier nur wenig ausrichten. Zum Schutz der Tiere wurden von den Besitzern unter Anderem Kinder mitgeschickt, die uns nicht aus den Augen ließen und ihre Rolle sehr ernst nahmen. Es dauerte eine ganze Weile bis wir sie überzeugen konnten, nicht die ganze Zeit geführt zu werden. Die für uns doch sehr gewöhnungsbedürftige Umgehensweise der Kirgisen mit ihren Pferden führte zu einigem Unmut. Da uns ja 12 Pferde fehlten, musste das Gepäck auf die verbliebenen Pferde aufgeteilt werden und so kamen in den anstrengenden zwei Tagen nicht nur die Wanderer sondern auch die teils deutlich überladenen Pferde an ihre Grenzen. Dennoch erreichten wir den heiligen See und erlebten eine tolle Tour, die wohl allen in Erinnerung bleiben wird.

Nach einer letzten Nacht in Arslanbob ging es weiter in Richtung Osch – einer der ältesten Städte in Zentralasien. Eine größere Siedlung befand sich hier schon zu vorchristlicher Zeit. Unterwegs hielten wir noch in Uzgen und besichtigten das Minarett und die Mausoleen. Diese wurden im 12. und 13. Jahrhundert als Grabstätte der Karakhanidenherrscher Nasr ibn Ali und Schelaleddin al Husain sowie weiterer unbekannter Personen (insgesamt 61) errichtet. Das benachbarte Minarett wurde 1226 errichtet und diente als Wachturm.

Da Osch die erste größere Stadt dieser Reise war, nutzten wir den Aufenthalt zu einem umfangreichen Bummel über den Bazar. Neben Lebensmitteln wurden hier auch diverse Souvenirs erworben. Nach einer Wanderung auf den Tacht-i-Suleyman einem fünfgipfligen, heiligen Berg bei Osch, besichtigten wir die Hauptmoschee. Der sehr aufgeschlossene Hausmeister machte mit uns eine Führung, konnte diese allerdings nicht beenden, da wir von einem anderen Gläubigen beschimpft und der Moschee verwiesen wurden. Ob dies daran lag, dass wir allgemein als Ungläubige angesehen wurden oder daran dass auch Frauen in unserer Gruppe waren, es sich aber um eine Männermoschee handelte, ließ sich nicht erkennen. In meiner ganzen Zeit in Kirgistan war dies der einzige Moment, an dem wir aus religiöser Überzeugung in einen Konflikt gerieten. Der Islam ist zwar die vorherrschende Religion in Zentralasien, wird aber in einer sehr toleranten Form gelebt. So ist zum Beispiel auch unter den Kirgisen der Verzehr von Alkohol (inbesondere Wodka) die Regel, der Verzehr und Handel von Schweinefleisch keine Seltenheit. Nicht alle Kirgisinnen tragen ein Kopftuch und insbesondere in Bishkek auch eher knappe Kleidung.

Mit Halt im Kyrgyz Ata Nationalpark ging es zum Toktogul Stausee. Hier staut die Talsperre seit 1975 den Naryn auf und dient seither zur Wasser- und Energieversorgung in Kirgistan und Usbekistan. Was zu Zeiten der Sowjetunion klar geregelt war, ist heute deutlich schwieriger. Während Kirgistan früher im Austausch gegen das Wasser Energie aus fossilen Energieträgern aus Usbekistan und Kasachstan erhalten hat, gibt es diese Abkommen heute nicht mehr. Die regulären Weltmarktpreise für fossile Energieträger kann Kirgistan nicht zahlen und so nutzt es heute insbesondere im Winter die Wasserkraft deutlich stärker als früher zur Energiegewinnung. Die Abflussmenge im Sommer wird deutlich reduziert, während sie im Winter deutlich erhöht wird. Dies hat gravierende Folgen für weite Teile Mittelasiens bis hin zum Aralsee. Im Sommer kommt es zu Wasserknappheit am Syr Darja, einem Zufluss des Aralsees, und im Fergana Tal, im Winter zu massiven Überschwemmungen.

Am Toktogul kamen wir außerdem das zweite Mal in das zweifelhafte Vergnügen auf ein lokales Krankenhaus angewiesen zu sein. Eine Lebensmittelvergiftung bescherte einem Mitstudenten eine Nacht im Krankenhaus. Beim Abholen am nächsten Morgen konnten wir uns dann alle von den doch eher fragwürdigen Umständen vor Ort überzeugen. Für die Krankenhausangestellten waren wir eine kleine Sensation und so mussten erst einmal diverse Fotos gemacht werden. Was aber das Wichtigste ist, wir konnten anschließend wieder vollständig unsere Reise fortsetzen und erreichten schließlich mitten in der Nacht die Hauptstadt Bishkek, wo wir die letzten drei Tage verbrachten. Ein letztes Mal ging es noch in die Natur in den Ala-Archa Nationalpark.

Außerdem hatten wir das Glück am 31. August, dem Tag, an dem die Kirgisen ihre Unabhängigkeit feiern, die sie 1991 erlangt haben, in Bishkek zu sein. Wir besuchten ein traditionelles Kok Boru Spiel. Hierbei treten zwei Reitmannschaften gegeneinander an, um ein totes Tier (meist eine Ziege) in eine trichterförmige Erhebung im Gebiet der gegnerischen Mannschaft zu befördern. Ein äußerst wildes Reitspektakel in drei Spielphasen, welches wir als ausländische Touristen bewacht durch einheimische Polizisten von der Ehrenloge betrachten durften. Nur einem von uns gelang es mit der Aussage „German Press“ direkt an die Abgrenzung zu kommen um das Spiel auch fotografisch zu dokumentieren.

Nach einem letzten Shopping Tag für die Studenten, den ich zusammen mit Dr. Georgy  Lazkov in der Projektwohnung beim Bestimmen der letzten Pflanzen für meine Examensarbeit verbrachte, ging es nach zwei Monaten zurück nach Deutschland. Wie kaum anders zu erwarten, verlief auch der Rückflug nicht reibungslos. Nach zwei ungeplanten Nächten am Manas Airport und einem weiteren Tag in Bishkek erreichten wir mit knapp zwei Tagen Verspätung wieder Hamburg.

Meine Erfahrungen im Forschungsprojekt können im Artikel „Erlebnis Kirgistan – Forschungsaufenthalt im Tien Shan“ nachgelesen werden.

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